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 KOLUMNE à la CARRIE 

Als ich mich von einem Baum verabschieden musste

11 Jun 2018

Kein Tag ist in den letzten Monaten und Wochen vergangen, an dem ich nicht an meine Seite, die ich vor etwas mehr als einem Jahr ins Leben gerufen und Kolumne à la Carrie getauft habe, denken musste. 

 

Gedanken - meist in Kombination mit einem schlechten Gewissen, Trauer, Wut und Verzweiflung. 

 

 

Aber letztendendes musste ich mir einfach eingestehen, dass es eben in den letzten Monaten absolut unmöglich war, mich hierauf zu konzentrieren bzw. Zeit zu zu finden.

Ich hatte keine Motivation, keine Zeit und keine Ideen. 

Und das lag ganz einfach daran, dass ich all meine Energie und meine Kraft - physisch wie psychisch - ganz wo anders einsetzen musste.

Und zwar eine ganze Menge davon.

 

Nach dem Unfall meines Bruders war uns relativ schnell klar, dass wir unser Elternhaus - in dem ich aufgewachsen bin - verkaufen werden. 

 

Das hat verschiedene Gründe. 

 

Das Haus und vor allem der Garten sind speziell, mit knapp 3500qm Grundstück ist es nicht gerade leicht zu er- und unterhalten. 

Das waren Aufgaben meines Bruders, zu denen er erstmal nicht in der Lage sein wird. Hinzu kommt, dass es einfach zu groß für - derzeit - eine Person ist.

 

Gegen Ende des Jahres wird mein Bruder wahrscheinlich aus der WG ausziehen, was bedeutet, dass wir Pflegepersonal, Ärzte und Therapeuten für zu Hause organisieren müssen und das wäre, in der kleinen Ortschaft außerhalb von Nürnberg, ein Ding der Unmöglichkeit. 

 

Und letztendlich ist da der emotionale Aspekt. 

Frederikes Zimmer. Sein Schlagzeug. Seine Fußballtasche. 

Sein Bereich. Sein Geruch. Sein Haus. Er. Überall Er.

 

So schmerzhaft das alles auch ist, wir sind alle pragmatisch veranlagt und tun das, was das Beste und Richtige für uns alle - und vor allem Frederik - ist.

 

Anfangs war einer der schmerzhaftesten Gedanken der, meinem Bruder eines Tages beichten zu müssen, dass sein Haus nicht mehr da ist, dass sein Zuhause jetzt ein Anderes ist.

Aber um ehrlich zu sein: es ist garnicht so schmerzhaft, weil das würde bedeuten, dass er ganz wach ist und verstehen kann.

 

Und ich weiß, dass er verstehen wird. 

 

In den letzten 16 Monaten habe ich erkannt,  dass in unserer Familie unausgesprochenes, bedingungsloses Vertrauen und Zutrauen herrschen. 

Und deswegen wird er wissen, dass wir all das für ihn getan haben und diese Entscheidung nicht anzweifeln.

 

Die letzten Wochen waren also geprägt von Ausräumen, Umzug und Umbau. 

 

Hinzu kam, dass wir dann auch noch unseren großen Hund einschläfern lassen mussten. 

Für viele mag das belanglos klingen, aber jeder Hundebesitzer weiß, wie kräftezehrend und herzzerreißend es ist, den Kopf seines Hundes zu halten, wenn er die letzten Atemzüge macht. Das war am 1. April und noch immer treibt es mir die Tränen in die Augen. 

 

Von dem Bett meines Bruders, fuhr ich in die Tierklinik.

Manchmal habe ich das Gefühl, dass mehr Schmerz garnicht möglich ist.

 

Seit Wochen arbeite ich inmitten einer Baustelle. 

Das heißt permanent Handwerker um mich herum, jede Menge Lärm, Krach und Dreck.

 

New York, die Stadt die niemals schläft, wirkt wie die reinste Ruheoase.

 

Über die Wochen, in denen das Haus immer leerer wurde, realisierte ich es nicht. 

Das schlimmste war sicherlich, Frederiks Sachen auszuräumen und in sämtlichen Kartons, Häusern und Garagen unterzubekommen. 

Man lernt einen Mensch nochmal ganz anders kennen, selbst wenn es der eigene Bruder ist, wenn man all seine Schränke und Schuppläden ausräumen und sortieren muss. 

Wir haben das mit dem größtmöglichen Respekt getan um auch weiterhin Frederiks Intimsphäre zu schützen, aber auch das war ein unglaublicher Kraftakt.

 

Ich dachte auch, dass es mir, im Gegensatz zu meiner Mutter, etwas leichter fallen würde, all das aufzugeben, weil ich schon einmal ausgezogen bin. 

Ich wollte mein Leben lang raus aus dem Dorf, und in die Stadt ziehen und genau das habe ich getan als ich die erste Gelegenheit dazu hatte. 

 

Nichtsdestotrotz, war natürlich Großhabersdorf mein zu Hause. 

Das Daheim, zu dem ich am Wochenende gefahren bin um mit Mama zu essen oder mit meinem Bruder zu streiten. Um im Grünen zu sein und mich auf meiner Terasse zu sonnen. 

Und ironischerweise lernte ich das viele Grün und die Stille, die so ein großer Garten mit sich bringt erst zu schätzen, als ich in die Stadt zog.

 

Aber dann kam der Tag vor meinem Flug. 

 

Der Tag an dem ich das letzten Mal in unserem Garten stand, das letzte Mal die Einfahrt zu unserem Haus entlangfuhr, das letzten Mal, dass ich mein ehemaliges Kinderzimmer betrat.

Der Tag an dem ich mich von dem Haus und diesem rießen Garten verabschieden musste.

 

 

 

Dieser Garten.

Diese Größe.

Der unendliche Luxus, dass er kaum einsehbar ist.

Unser Paradies.

 

Es ist nicht nur ein Garten. 

Es ist meine Kindheit, meine Jugend und mein Erwachsen werden. Hier stecken soviel Geschichte drin, soviel Freude, harte Arbeit, Tränen und Dramen, so viel Gefühl und Verbundenheit. Die Sonntagnachmittage auf meiner Terrasse. Der Weiher, in den wir heimlich gehüpft sind. Der ehemalige Hühnerstall, in dem ich meine Hühner gefüttert habe und aus dem ich frische Eier holte.

Der Baum mit den Resten unseres Baumhauses, das Gartenhäuschen in dem mein Bruder Partys feierte. Da ist diese Riesen Eiche, die mit uns gewachsen ist. Die Garage, in der mein Bruder, mein Vater und auch schon mein Opa immer an irgendwas bastelten. Ein John Deer Rasenmäher, den auch ich fahren kann. Der Friedhof ehemaliger Haustiere. Der Weg auf dem ich mich heimlich ausgeschlichen habe, als ich Hausarrest hatte. Immer waren irgendwelche Freunde bei uns im Garten, hier habe ich meinen 18. Geburtstag mit so so vielen 100 Leuten gefeiert.

 

Und dann ist da noch dieser eine Baum, genau in der Mitte unseres Garten. 

Ein Kirschbaum. 

 

 

 

Vor kurzem blühte er. 

Diese rosa Blüten, die dann weiß werden.

Kirschen konnten wir selten davon essen, in kaum einer war kein Wurm.

Seit ich denken kann ist da dieses Vogelhäuschen, in der Jahr für Jahr eine Star-Familie zieht. Und Jahr für Jahr konnten wir beobachtet, wie die kleinen Kücken ihre Schnäbel aus dem Häuschen reckten und die Vogeleltern Nahrung brachten und sie fütterten.

 

Ja, auch das ist eine Erinnerung die zwangsläufig mit diesem Garten zusammenhängt. 

Uns wurde als Kinder noch begebracht, die Vogelarten und Bäume in unserem Garten benennen zu können.

Und vor diesem prächtigem Baum steht - noch immer - unsere Wippe, die Papa und Opa selbst gebaut haben. 

Der Inbegriff unserer Kindheit.

 

Von diesem Baum hab ich mich verabschiedet. 

 

 

Es ist das Richtige, auch wenn es sich gerade noch falsch anfühlt.

 

Am Tag vor meinem Flug nach New York bin ich nach Großhabersdorf gefahren. 

Meine Gefühle überschlugen sich bereits als ich aus dem Auto ausstieg.

Ich fing an fürchterlich zu weinen, aber ich lies meinen Tränen freien Lauf.

Ich musste trauern und das tat ich. 

Ich ging jede Ecke des Gartens noch einmal ab, ich berührte Bäume - was für mich normalerweise leicht seltsam klingen würde, aber in dem Moment war mir danach.

Ich setzte mich nochmal im Wohnzimmer auf den Boden und genoss den Ausblick, den ich mein Leben lang kenne, der leider irgendwann selbstverständlich wurde.

Ich erinnerte mich an verschiedene Ereignisse, als ich in meinem Kinderzimmer stand und strich über den sündhaft teuren Teppich meines Bruders, den er selbst verlegt hatte. 

 

Es war so schmerzhaft und traurig.

Ich finde noch immer keine Worte für die Gefühle die ich an diesem Tag in diesem Moment fühlte.

 

Aber es ist richtig so.

 

Jetzt beginnt für uns alle in Nürnberg ein neues Leben, mit wenigstens einer Sorge und Belastung weniger.

Das neue Haus wird mein neues Zuhause, auch wenn ich nicht dort wohnen werde. 

Aber dort ist Mama. 

Und auch Frederik bald.

Und es wird wunderschön werden.

 

Ich habe mich sehr über die Nachrichten gefreut, in denen ich gefragt wurde ob alles ok ist, weil ich nicht mehr schreiben bzw. Ob es denn weiter geht.

Das waren kleine Lichtblicke. Danke.

 

Ich bin zurück mal wieder und New York hat aus mir den alten neuen Mensch.

Ich sagte ja bereits, ich fühle mich besser. New Yorks Energie tut mir gut.


Noch ist kein Ende in Sicht, also verspreche ich hier jetzt noch nichts.

Ich werde mein Bestes geben. Eben das was mir derzeit möglich ist.

 

 

Zuhause ist das, was man dazu macht. 

Und alles andere bleiben wunderschöne, ergreifende Erinnerungen. 

 

Aber so ist es nun mal im Leben. 

Ein Auf und Ab. 

Ein Loslassen und Weiterziehen.

 

Es wird weiter gehen.

Es muss.

 

Love Carrie

 

 

 

 

 

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