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 KOLUMNE à la CARRIE 

Zeitgefühl

26 Nov 2017

„Zeit ist schon was Seltsames. In einer ereignislosen Sekunde kann ein ganzes Jahrzehnt vorüberziehen. Andererseits können in nur zwei Jahren auch wahrhaftig monumentale Dinge passieren. Dinge, die man in einer Million Jahre nicht erwartet hätte.“ (Carrie Bradshaw)

 

Zeit.
Wo ist sie nur hin?

 

 Foto: Monika Wolf mozzphotography.wordpress.com

 

Zeit ist eine physikalische Größenart und ist per Definition bestimmt durch eine Abfolge von Ereignissen. Leider ist die Zeit eine unumkehrbare Größe.

Leider, können wir die Zeit nicht zurückdrehen.

 

Noch nie ist ein Jahr schneller vergangen. Das Gefühl habe jedenfalls Ich. Hauptsächlich liegt es wahrscheinlich daran, dass ich das Gefühl hatte, dass wir keine Zeit haben.
Dass uns die Zeit davon läuft.
Nein, rennt.

 

Seitdem beschäftigt mich die Zeit.

 

Vielleicht liegt es auch daran, dass ich meistens das Gefühl habe – wie sagt man so schön: ‚kein Leben mehr zu haben.‘

 

Normalerweise verfolgen wir Ziele, machen Fortschritte, arbeiten auf etwas hin, egal in welcher Hinsicht.

 

Und anhand von Fortschritten, dem Weiterkommen oder an Entwicklungen, nehmen wir Zeit wahr.

 

Und dieses Gefühl fehlt mir.
Mein Leben ist nicht mehr an erster Stelle. In meinem Leben dreht sich seit fast einem Jahr alles um Gehirndruck, Tonus, Schädel-Hirn-Traume, Ärzte, Therapeuten und jegliche Belange meines Bruders.

 

Meine Zeit ist irgendwie stehen geblieben.
Auch wenn die Uhr an meinem Handgelenk weiter tickt.

So vergehen die Tage ziemlich schnell.

Und so vergeht auch ein ganzes Jahr ziemlich schnell.

 

Zeit nehmen wir wahr, indem wir auf eine Uhr sehen.
An unserem Tag- und Nachtrhythmus.
Wir stehen auf, gehen zur Arbeit, kommen abends nach Hause und legen uns wieder in unser Bett um zu schlafen.
Ein Tag ist vergangen.
Und damit auch wieder etwas Zeit.

 

Wir nehmen Zeit wahr, indem wir feststellen, dass sie vergeht.

 

Woran Ich vor allem wahrnehme, dass Zeit vergeht, ist das Gefühl von Vermissen. Und das Ausmaß was dieses annimmt.
Und ich meine nicht die Art von Vermissen, das wir fühlen, wenn wir zum Beispiel länger irgendwo im Urlaub sind.
Nein, es ist mehr als das. Es ist tiefer, und verursacht so einen leichten Druck irgendwo in meinem Bauch. Sehnsucht.

Ich habe meinen Bruder nie vermisst.  

Warum auch? Er war ja immer da.
Jetzt tue ich es. So sehr.
Je stärker dieser kleine, penetrante Schmerz wird, desto mehr Zeit vergeht. So nehme ich Zeit wahr.
Seit fast einem Jahr hat er nicht mehr meinen Namen gesagt. Ich vermisse es.

Er fehlt mir so sehr, obwohl er ja da ist. Aber eben nicht ganz.

Nicht nur ich habe mich verändert, er auch.

 

Ich sehne mich nach der Zeit davor. Es gibt jetzt ein ‚davor‘.

Ein 'Vor dem Unfall' und ein 'Danach'.
 

Und was ist, wenn man jegliches Zeitgefühl verloren hat?


Wir können davon ausgehen, dass mein Bruder jegliches Zeitgefühl verloren hat. Wenn man so lange liegt, ja an ein Bett gefesselt ist und das Bewusstsein eingeschränkt ist, dann hat man jegliches Zeitgefühl verloren.
Ich erinnere mich noch ganz genau an die ersten drei Wochen 'danach'.

Die Zeit auf der Intensivstation.
Die schlimmste Zeit meines Lebens. Die Gefühle, die Ängste, die ich damals hatte, kann ich heute noch fühlen.

Sie waren so prägend, dass sie auch mit der Zeit nicht vergehen.

Auch damals, hatte ich jedes Zeitgefühl verloren. Alles war so unwichtig, die Zeit ist stehen geblieben und doch irgendwie an mir vorbei gezogen, ohne dass ich es gemerkt hätte.

Nicht nur für den Betroffenen auch für die Besucher der Intensivstation ticken die Uhren irgendwie anders.

 

Zur Zeit habe ich manchmal das Gefühl, dass wenn ich an der Reihe bin, meinen Bruder zu besuchen, dass ich doch eigentlich gar keine Zeit habe, weil ich zum Beispiel noch das eine Angebot schreiben muss oder viel lieber meinen Samstag Vormittag zum Brunch gehen würde.

 

Und dann bin ich bei ihm und plötzlich ist die Zeit absolut nebensächlich.


Es ist nun fast ein Jahr her, dass ich qualvolle Stunden in dem Glauben gelassen wurde, dass mir mein Bruder genommen wird. Wir keine Zeit mehr haben. Zusammen.

Ich bin mir jeden Tag bewusst, dass es auch anders hätte ausgehen können.
Und deswegen ist die Zeit, die ich bei meinem Bruder sein kann, seine Hand halten und ihn ansehen kann, unfassbar wichtig und vor allem bewusst.

 

Goethe sagte einmal: „Die Zeit ist unendlich lang und ein jeder Tag ein Gefäß, in das sich sehr viel eingießen lässt, wenn man es wirklich ausfüllen will.“

Keiner von uns weiß, wie viel Zeit er noch hat.
Keiner weiß, wie viel Zeit er auf dieser Welt verbringen darf.
Deshalb ist die Zeit für mich plötzlich ganz, ganz wichtig.
Ich verschwende keine Zeit mehr.

Zeit ist allgegenwärtig und so wunderbar.

Denn Zeit bringt auch Hoffnung mit sich.

Und Hoffnung ist in unserem Fall von größter Bedeutung.

 

 

Zeit ist der größte Luxus, den wir haben.

Zeit für Sich. Allein.

Zeit Zusammen. Zeit zu Zweit.

Zeit ist wichtig. Zeit ist kostbar.

Zeit sollte jeder von uns ganz bewusst und intensiv wahrnehmen.

 

 

 

Love, Carrie

 

 

 

 

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