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 KOLUMNE à la CARRIE 

Krankenhaus. Ein Graus. #3

6 May 2017

Mein Bruder stabilisierte sich von Tag zu Tag. Die Schwellung seines Gehirns ging zurück, der Hirndruck sank.
Hingegen der Aussage von Dr. Rü., mein Bruder könne wahrscheinlich nie wieder selbstständig atmen, zeigte die Beatmungsmaschine mittlerweile eigene Atemzüge an. 
Alles was er in diesem Stadium erreichen konnte, erreichte er.

 

 

 

Leider weiß ich nicht mehr welcher Tag es war. Es muss wohl ca. eine Woche nach dem ersten schlimmen Gespräch gewesen sein, als wieder ein Oberarzt, diesmal der erste Oberarzt der Neurochirurgie – wie er stets betonte- Dr. Re, und ein Arzt der Intensivstation Dr. We., uns abermals in das verhasste kleine Zimmer kommen ließen um wieder ein Gespräch zu führen.


Am Tag zuvor wurde bei meinem Bruder eine Untersuchung gemacht, sie nennt sich SEP. Dabei werden Reize gesetzt, sowohl am Kopf als auch an Händen und Füßen und anhand der Gehirnströme (EEG) kann man dann messen was noch ankommt.

 

Das Ergebnis war abermals vernichtend.

 

Angeblich nämlich nichts. Dr. Re – wir sollen uns seinen Namen nicht merken, das können wir nämlich eh nicht- er ist der erste Oberarzt der Neurochirurgie, führte das Gespräch.

Trotz seines französischen Akzentes wirkte er sehr autoritär.

 

Auch er riet uns wieder die Therapie einzustellen.

 

Wenn man so etwas Schlimmes zum zweiten Mal hört, fängt man auch an es zu glauben. Man hat das Gefühl zusammenzubrechen, eine Grenze zu erreichen. Und wieder wünschte ich mir nichts sehnlicher, als dass dieser Horror endlich ein Ende nimmt.

 
Er zeigte uns nochmal die MRT Bilder, betonte (wie immer) die Patientenverfügung und riet mir ab, seine Meinung anzuzweifeln, da ich auch jetzt wieder – und vor allem gerade in dieser Situation – kritische Fragen stellte.


Ich weiß nicht warum, aber ich fragte ihn wie es denn gemacht wird, also was heißt es, man stellt die Therapie ein? Wie stirbt denn mein Bruder?


Zu diesem Zeitpunkt war mein Bruder nicht mehr am Beatmungsgerät angeschlossen, er atmete selbstständig.

(Was deutlich macht, wie sehr sich Dr. Rü. - vom ersten Gespräch - geirrt hatte!)

 

„Man sagt, wenn das Bewusstsein im Gehirn fehlt und man die Kreislaufunterstützenden Medikamente weg lässt, versagen nach und nach die Organe. Er wird Morphin bekommen, da bekommt man nichts mit. Man schläft ein.“

Danach fragte meine Mutter, wie lange es dauern würde. Die Aussage war: "Bei alten Menschen geht es relativ schnell, Frederik hat ein gesundes Herz da kann es schon 1-2 Tage dauern.

 

Am Tag danach, habe ich die Beerdigung geplant.


Wenn ich im Auto saß, hörte ich Frederiks Lieder und stellte mir vor, wie diese an seiner Beerdigung gespielt wurden.

Im Büro überlegten meine Mutter und ich welches Bestattungsunternehmen wir beauftragen sollten und auf welchen Friedhof wir Frederik begraben lassen wollten.

 

Ich war wie gelähmt.

Solange ich eine Aufgabe hatte, die in irgendeiner Weise mit meinem Bruder zu tun hatte, funktionierte ich.

War ich allein, und war es still, so brach ich zusammen.
Ich konnte es mir nicht vorstellen und ich wollte es absolut nicht wahrhaben.

 

Gegen 16 Uhr gingen wir wie immer zu meinem Bruder.

Als eine uns noch unbekannte Ärztin kam und uns über die Nacht und den Tag aufklärte, fragten wir sie, wann man denn damit beginnt.

Sie verstand nicht was wir meinten.

Wir erzählten von dem Gespräch am Vortag.

 

Ihre Antwort: „Frederik bekommt keine kreislaufunterstützenden Medikamente die man weglassen könnte. Man kann ihn nicht sterben lassen. Er ist stabil.“

 

Vielleicht versteht ihr jetzt etwas mehr, was ich in der Kolumne #1 gemeint habe mit „ein Auf und Ab.“ Mein Bruder ist in diesen 3,5 Wochen Aufenthalt im Südklinikum Nürnberg drei Mal für mich gestorben, nur aufgrund der Ärzte-(Fehl)-Aussagen!

 

Wie kann der erste Oberarzt der Neurochirurgie nicht wissen, dass mein Bruder überhaupt keine solchen Medikamente bekommt?

Uns wurde der Sterbeprozess erklärt, verdammt noch Mal, und am nächsten Tag hören wir, dass er gar nicht sterben kann? Und vor allem: auch nicht sterben muss!

 

Da gibt es keinen anderen Ausdruck, aber das ist die größte Scheiße die ich je gehört habe, die ich je durchleben musste.
 

Ich kann nicht vergessen, vergeben schon gar nicht.

 

Am 29.12. wurde mein Bruder endlich nach Kipfenberg in eine angesehene Reha-Klinik verlegt. Seitdem macht mein Bruder tagtäglich Fortschritte.

Physio- und Ergotherapeuten sowie Logopäden kümmern sich hingebungsvoll um meinen kleinen Bruder.


Wir haben Hoffnung, weil wir Hoffnung haben können.


Mein Bruder kämpft, das sehen wir jeden Tag.

Das Krankenhaus und dessen Ärzte haben wir hinter uns gelassen.

In Kipfenberg führen wir Gespräche mit den Chefärzten für die die Patientenverfügung sowie Sterbemaßnahmen keine Rolle spielen.
Alle die meinen Bruder betreuen, sehen die Fortschritte.

Vor allem aber sieht man, dass mein Bruder sich unglaublich anstrengt, auf uns reagiert und versucht sich zurück ins Leben zu kämpfen.

 

Der Pfarrer der Reha-Klinik hat es mit einem Satz auf den Punkt gebracht:

„Scheiß auf die Patientenverfügung. Mit 24 hat man erstmal zu kämpfen.“

 

 

Love, Carrie

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